Hasch mich – ich bin der Friede

Preacher-Slam zum Gedenken der Zerstörung Pforzheims am 24.2.2019DSC_0434

Hasch mich – ich bin der Frieden!

ich legte mich auf die Lauer

wie ein Jäger in der Nacht

verbarg mich hinter Hausecken 

um ihn ja nicht aufzuschrecken

keine falsche Bewegung

kein lauter Laut

schreckhaft ist er,

so haben es mir die Weisen einst anvertraut

wie ein goldener Schnatz fliegt er durch das Dunkel

traut sich in die schwärzesten Winkel

wird argwöhnisch beobachtet von zwielichtigen Gesellen

ist schwer zu erhaschen

schlüpft durch engstirnigste Vorgartenzaunmaschen

und ich schlich durch die Stadt

durchstreifte alle Straßen

immer auf der Suche

nach dem scheuen 

Frieden 

jage ihn

krieg ihn zu fassen

dann kannst du ihn mitnehmen 

in die anderen Straßen

und auf die Plätze

dorthin wo sie schreien

wo sie Parolen brüllen

und du stellst dich an seine Seite

beschützt ihn 

stellst deinen Schild vor sein Gesicht

Friede komm mit

fürchte dich nicht

und so legte ich mich auf die Lauer

stellte seinen Spuren nach

in einer Gasse nahm ich Witterung auf

ich drückte mich an der kohlenruß geschwärzten Hauswand entlang

Putz bröckelte auf meine Schultern

auf den Klingeschildern lese ich allerweltsnamen

20  Namen mindestens

aber kein Friede dabei

wohnt der hier, auf welchem Flur?

Friedensduft steigt in meine Nase

und ich hefte mich an seine Spur

aus dem gekippten Küchenfenster
fällt Licht auf das einsame Straßenpflaster

und zwischen Flügel und Rahmen
schiebt sich ein unwiderstehlicher Duft in meinen Atem

Friedensduft

ich gehe zum Fester und schaue rein

ein einfacher Holztisch

der Junge dran

schaut verzweifelt auf Hefte und Bücher

den schwarzen Thor Steinar Kapuzenpulli tief über die Stirn gezogen

ich hör ihn abwechselnd schreien und schimpfen

und die scheiß binomischen Formeln

die nicht in sein Hirn hineinkriechen wollen

und wie er sich statt dessen aufregt

über die anderen

die von weit her

Scheiß Ausländer

die alles kriegen

und jetzt in der Klasse sitzen

nicht mal über Formeln schwitzen

und ihm aber seine Lehrstelle klauen

und die Zigarettenkippe oben drauf

schließlich waren die gestern noch in seiner Tasche und heute nicht mehr

Zornestränen fließen über die Wangen

wohnt hier der Friede

auf der offenen Flamme 

des Gasherdes steht die schwere Pfanne

Die Mutter gießt eine hellgelbe Flüssigkeit in das Öl

süß betörender Kuchenduft steigt auf

Pfannkuchen um Pfannkuchen stapelt sich auf dem Teller

Sie stellt ihn auf den Tisch.

Ohne Worte 

lächelnd

gedankenverloren trotzig greift der Junge zu

beißt hinein

kaut 

schluckt

beruhigt sich

schmeckt 

Frieden

rutscht in kleinen Stücken die Speiseröhre hinunter

verbreitet sich warm und leicht im Magen

legt sich wie eine warme Decke um das 

kalt verfrorene Herz

ich weiß nicht ob das reicht

ob das warm genug ist

nachhaltig

effektiv

performativ

Ich erspähe den Frieden in den Herzen

dem Herzen einer Mutter

die sich nicht versteckt

die was riskiert

ganz unbeirrt

die ihr Herz nicht hinter die Maske zwingt

und keine Schutzschilder in Stellung bringt

aber da kriege ich ihn nicht zu fassen

muss ihn seine Wege ziehen lassen

nicht das Herz der Mutter leeren

und ihn nicht vom Küchentisch zerren

so streife ich weiter durch die Straßen

ziehe um die Häuser durch die Gassen

krieg ich den doch irgendwo zu fassen?

Um den andern nicht die Plätze zu lassen

mit ihren Parolen und ihrer Gewalt

ihrem Hass der nur drauf wartet, dass es knallt

neulich hab ich ihn dann doch entdeckt

da war er zwischen Schlosspark und Wartberg unterwegs

mir schien, es hätte ihm Spaß gemacht

hin und her zu hüpfen

sich nicht kriegen zu lassen

und schon gar nicht  zu vertreiben

wenn er flügellahm müde und down war

sprang er mit wenig Kraft zu den Jugendlichen

die fangen ihn auf mit offenen Händen – sichern

sprachen ihm gut zu

fütterten ihn mit Schokolade

und Pfannkuchen

einige hatten Rosen dabei

dann leuchtet er wieder

in leopradenfellgetupften Schnürsenkeln

dann flattert er wieder los

geht selbst auf die Jagd

bringt Springerstiefelträger zum Schwitzen

setzt sich auf die Nasenspitzen

um fröhlich darauf rum zu tanzen

während sie braune Parolen ranzen

lässt goldene quietschvergnügte Leopradentropfen 

auf sorgsam fest gezogene weiße Schnürsenkel tropfen

sie wollten ihn jagen fangen vertreiben

und einer versucht ihn sich einzuverleiben

flüstert schreit skandiert seinen Hass

faselt was rum von Reinheitserlass

doch da ist der Frieden schon weitergehüpft

er hat ja auch noch so viele zu besuchen an diesem Tag

wo in dieser Stadt viel in Bewegung ist

er ist ja ein äußerst kreativer Aktivist

den einen wird er den Kopf verdrehen

den andern im Streit zur Seite stehen

und auf dem Protest-Weg von der Stadtmitte 

zum Wartberg

setzt Frieden sich an die Spitze

fliegt voran 

und mitten durch

so hat Frieden mich gejagd und gefunden

für seine Ziele eingebunden

erst wollte ich noch widerstehen

und auf meine Wege bestehen

ein Grinsen von ihm brach den Widerstand

komm, sagt er: ich zeige dir den Frieden

und legt den Schnatz in meine Hand

SFW 24.II.19

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑