Preacher-Slam zum Gedenken der Zerstörung Pforzheims am 24.2.2019
Hasch mich – ich bin der Frieden!
ich legte mich auf die Lauer
wie ein Jäger in der Nacht
verbarg mich hinter Hausecken
um ihn ja nicht aufzuschrecken
keine falsche Bewegung
kein lauter Laut
schreckhaft ist er,
so haben es mir die Weisen einst anvertraut
wie ein goldener Schnatz fliegt er durch das Dunkel
traut sich in die schwärzesten Winkel
wird argwöhnisch beobachtet von zwielichtigen Gesellen
ist schwer zu erhaschen
schlüpft durch engstirnigste Vorgartenzaunmaschen
und ich schlich durch die Stadt
durchstreifte alle Straßen
immer auf der Suche
nach dem scheuen
Frieden
jage ihn
krieg ihn zu fassen
dann kannst du ihn mitnehmen
in die anderen Straßen
und auf die Plätze
dorthin wo sie schreien
wo sie Parolen brüllen
und du stellst dich an seine Seite
beschützt ihn
stellst deinen Schild vor sein Gesicht
Friede komm mit
fürchte dich nicht
und so legte ich mich auf die Lauer
stellte seinen Spuren nach
in einer Gasse nahm ich Witterung auf
ich drückte mich an der kohlenruß geschwärzten Hauswand entlang
Putz bröckelte auf meine Schultern
auf den Klingeschildern lese ich allerweltsnamen
20 Namen mindestens
aber kein Friede dabei
wohnt der hier, auf welchem Flur?
Friedensduft steigt in meine Nase
und ich hefte mich an seine Spur
aus dem gekippten Küchenfenster
fällt Licht auf das einsame Straßenpflaster
und zwischen Flügel und Rahmen
schiebt sich ein unwiderstehlicher Duft in meinen Atem
Friedensduft
ich gehe zum Fester und schaue rein
ein einfacher Holztisch
der Junge dran
schaut verzweifelt auf Hefte und Bücher
den schwarzen Thor Steinar Kapuzenpulli tief über die Stirn gezogen
ich hör ihn abwechselnd schreien und schimpfen
und die scheiß binomischen Formeln
die nicht in sein Hirn hineinkriechen wollen
und wie er sich statt dessen aufregt
über die anderen
die von weit her
Scheiß Ausländer
die alles kriegen
und jetzt in der Klasse sitzen
nicht mal über Formeln schwitzen
und ihm aber seine Lehrstelle klauen
und die Zigarettenkippe oben drauf
schließlich waren die gestern noch in seiner Tasche und heute nicht mehr
Zornestränen fließen über die Wangen
wohnt hier der Friede
auf der offenen Flamme
des Gasherdes steht die schwere Pfanne
Die Mutter gießt eine hellgelbe Flüssigkeit in das Öl
süß betörender Kuchenduft steigt auf
Pfannkuchen um Pfannkuchen stapelt sich auf dem Teller
Sie stellt ihn auf den Tisch.
Ohne Worte
lächelnd
gedankenverloren trotzig greift der Junge zu
beißt hinein
kaut
schluckt
beruhigt sich
schmeckt
Frieden
rutscht in kleinen Stücken die Speiseröhre hinunter
verbreitet sich warm und leicht im Magen
legt sich wie eine warme Decke um das
kalt verfrorene Herz
ich weiß nicht ob das reicht
ob das warm genug ist
nachhaltig
effektiv
performativ
Ich erspähe den Frieden in den Herzen
dem Herzen einer Mutter
die sich nicht versteckt
die was riskiert
ganz unbeirrt
die ihr Herz nicht hinter die Maske zwingt
und keine Schutzschilder in Stellung bringt
aber da kriege ich ihn nicht zu fassen
muss ihn seine Wege ziehen lassen
nicht das Herz der Mutter leeren
und ihn nicht vom Küchentisch zerren
so streife ich weiter durch die Straßen
ziehe um die Häuser durch die Gassen
krieg ich den doch irgendwo zu fassen?
Um den andern nicht die Plätze zu lassen
mit ihren Parolen und ihrer Gewalt
ihrem Hass der nur drauf wartet, dass es knallt
neulich hab ich ihn dann doch entdeckt
da war er zwischen Schlosspark und Wartberg unterwegs
mir schien, es hätte ihm Spaß gemacht
hin und her zu hüpfen
sich nicht kriegen zu lassen
und schon gar nicht zu vertreiben
wenn er flügellahm müde und down war
sprang er mit wenig Kraft zu den Jugendlichen
die fangen ihn auf mit offenen Händen – sichern
sprachen ihm gut zu
fütterten ihn mit Schokolade
und Pfannkuchen
einige hatten Rosen dabei
dann leuchtet er wieder
in leopradenfellgetupften Schnürsenkeln
dann flattert er wieder los
geht selbst auf die Jagd
bringt Springerstiefelträger zum Schwitzen
setzt sich auf die Nasenspitzen
um fröhlich darauf rum zu tanzen
während sie braune Parolen ranzen
lässt goldene quietschvergnügte Leopradentropfen
auf sorgsam fest gezogene weiße Schnürsenkel tropfen
sie wollten ihn jagen fangen vertreiben
und einer versucht ihn sich einzuverleiben
flüstert schreit skandiert seinen Hass
faselt was rum von Reinheitserlass
doch da ist der Frieden schon weitergehüpft
er hat ja auch noch so viele zu besuchen an diesem Tag
wo in dieser Stadt viel in Bewegung ist
er ist ja ein äußerst kreativer Aktivist
den einen wird er den Kopf verdrehen
den andern im Streit zur Seite stehen
und auf dem Protest-Weg von der Stadtmitte
zum Wartberg
setzt Frieden sich an die Spitze
fliegt voran
und mitten durch
so hat Frieden mich gejagd und gefunden
für seine Ziele eingebunden
erst wollte ich noch widerstehen
und auf meine Wege bestehen
ein Grinsen von ihm brach den Widerstand
komm, sagt er: ich zeige dir den Frieden
und legt den Schnatz in meine Hand
SFW 24.II.19
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