Bühnentexte

I (Letzte Worte unterm Türrahmen)

Die Zigarette in der einen Hand, das Bier in der anderen. So stehen sie unterm Türrahmen. Der Abend war intensiv. Die Gespräche tief und manche Diskussion heftig. Wie machen wir es? Zeigen oder schweigen?

Und alle wissen: Schweigen ist keine Option. Zeigen braucht Mut. Aber an diesem Abend spüren sie, dass es keine Alternative mehr gibt. Zeigen. Sie wägen die Risiken ab, sammeln die Unterstützung zusammen, machen Notfallpläne. Ein letzter Zug, ein letzter Schluck.

Ok, wie gehen. wir zeigen uns. Denn es ist Liebe. Und es ist unser Leben. Und wir haben nur dieses eine Leben und wir haben unserer Liebe.

Eine Umarmung und ein Kuss. Und morgen werden sie raus gehen, auf die Straße. Hand in Hand. Mit der Kleidung, die zeigt was sie sind, wer sie sind und wen sie lieben.

Eine letzte Bitte: tut es aus Liebe. Nicht aus Wut. Tut es für die Liebe und das Leben.

II (Für die Liebe und das Leben)

Vor 55 Jahren sind sie auf die Straße gegangen. Am Tag nach der Gewalt, am Tag nach den Exzessen, als sie es nicht mehr hinnehmen wollten.

Die Razzien im Stonewall Inn in der Nacht des 28. Juni 1969 wurden zum Auslöser der gewalttätigen Unruhen. In dieser Nacht des 28. Juni 1969 geschah das Unerwartete – erstmals widersetzten sich trans* Personen, Dragqueens, Schwule und Butches unterschiedlichster Hautfarben im Stonewall Inn der Polizei.

Sie waren nicht mehr bereit, die Gewalt gegen die Liebe und das Leben zu ertragen.

Die Aufstände wurden vor allem von queeren BIPoc (Black, Indigenous and People of Color) angeführt, die sich gegen Diskriminierung, Polizeigewalt & Ausgrenzung wehrten und für ihre Rechte kämpften. Die Proteste eskalierten, Barrikaden wurden errichtet und es brach ein gewaltsamer Aufstand aus.

Obwohl es der Polizei irgendwann gelang, die Unruhen vorläufig einzudämmen, hatte diese Nacht im Stonewall Inn bereits eine Welle des Widerstandes in Bewegung gebracht. Die darauffolgenden fünf Tage waren geprägt von Protesten und Straßenkämpfen, standen vor allem aber auch im Zeichen des Stolzes und des Empowerments.

Die Stonewall Riots von 1969 waren ein Meilenstein in der LGBTQIA+ Geschichte. Sie brachen das Schweigen und lösten eine Welle des Aktivismus aus, die bis heute anhält. Und schon in diesem Jahr trugen erste Menschen die Pride Flagge als Symbol auf ihren Schultern, bis sie einige Jahre später zum allgemeinen Symbol für uns wurde.

III (Aus Liebe – nicht „Seid lieb!“)

Je länger ich die Jahreslosung aus dem Korintherbrief lese, drehe und wende, desto deutlicher wird mir eines:

Paulus schreibt nicht: seid lieb! Er schreibt nicht: seid nett! er schreibt hier auch nicht: lasst alles mit euch machen, Christ*innen müssen ja lieb sein.

Paulus schreibt: alles was ihr macht: macht es aus Liebe. Und er beschreibt die Haltung, mit der wir einander begegnen. Mit der wir uns einsetzen. Die Gewalt 1969 ging nicht von der queeren Community aus. Sie war die Antwort auf ihre Entscheidung: wir zeigen uns. Wir stehen zu uns. Offen, klar und laut. Und wir nennen Gewalt Gewalt.

Wenn wir uns heute zeigen, offen, laut und klar sind, tun wir das aus Liebe heraus. Aus Liebe zu uns, zu denen, die wir im Herzen tragen, die an unserer Seite sind. 

Wir hissen die Fahne und zeigen: wir sind da.

pink: wir lieben Sexualität – die gute Gabe Gottes – und wir lieben und leben sie in all ihrer Vielfalt

rot: Wir lieben das Leben. 

orange: wir sehnen uns nach Gesundheit, nach Ganz sein

gelb: wir lieben und leben unter der Sonne, die Gott für alle aufgehen lässt. Jeden Morgen neu

grün: wir lieben die Natur. Sie ist unsere Basis. Sie ist unser Leben. Sie macht uns wie wir sind. Und sie gibt uns den Raum zu sein, wer und was wir sind

türkies: wir lieben die Kunst, danke Johanna!, für viele ist sie eine zweite Heimat geworden, dem Gestalt zu geben, was wir sind, und wie wir lieben und leben

blau: Wir lieben die Harmonie, denn wir wissen: Streit und Gewalt kennt am Ende nur Verlierer*innen und wir wissen: wir sind die ersten

lila: wir lieben und wir brauchen die Spiritualität, darum sind wir jetzt hier

braun und schwarz: aus Liebe geben wir ihnen Sichtbarkeit: People of Colour, die von Anfang an dabei waren, damals in der Christopher Street und die bis heute fast immer doppelt und dreifachen Hass aushalten müssen.

IV (Aus Liebe halten wir die Fahne hoch)

Wir stehen an der Türschwelle zum CSD und wissen: nicht alle da draußen werden uns mit Liebe begegnen. Und es ist an uns, ihnen mit unserer Haltung zu begegnen:

alles was ihr macht: macht es aus Liebe. Und damit setzt ihr ins Unrecht, alle die mit Hohn und Hass unterwegs sind. 

Bier und Zigarette haben wir hier in der Kirche nicht. Aber wir haben Brot und Weintrauben, ein Gebet und Segen.

Amen.

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Preacher-Slam zum Gedenken der Zerstörung Pforzheims am 24.2.2019

ich legte mich auf die Lauer

wie ein Jäger in der Nacht

verbarg mich hinter Hausecken 

um ihn ja nicht aufzuschrecken

keine falsche Bewegung

kein lauter Laut

schreckhaft ist er,

so haben es mir die Weisen einst anvertraut

wie ein goldener Schnatz fliegt er durch das Dunkel

traut sich in die schwärzesten Winkel

wird argwöhnisch beobachtet von zwielichtigen Gesellen

ist schwer zu erhaschen

schlüpft durch engstirnigste Vorgartenzaunmaschen

und ich schlich durch die Stadt

durchstreifte alle Straßen

immer auf der Suche

nach dem scheuen 

Frieden 

jage ihn

krieg ihn zu fassen

dann kannst du ihn mitnehmen 

in die anderen Straßen

und auf die Plätze

dorthin wo sie schreien

wo sie Parolen brüllen

und du stellst dich an seine Seite

beschützt ihn 

stellst deinen Schild vor sein Gesicht

Friede komm mit

fürchte dich nicht

und so legte ich mich auf die Lauer

stellte seinen Spuren nach

in einer Gasse nahm ich Witterung auf

ich drückte mich an der kohlenruß geschwärzten Hauswand entlang

Putz bröckelte auf meine Schultern

auf den Klingeschildern lese ich allerweltsnamen

20  Namen mindestens

aber kein Friede dabei

wohnt der hier, auf welchem Flur?

Friedensduft steigt in meine Nase

und ich hefte mich an seine Spur

aus dem gekippten Küchenfenster
fällt Licht auf das einsame Straßenpflaster

und zwischen Flügel und Rahmen
schiebt sich ein unwiderstehlicher Duft in meinen Atem

Friedensduft

ich gehe zum Fester und schaue rein

ein einfacher Holztisch

der Junge dran

schaut verzweifelt auf Hefte und Bücher

den schwarzen Thor Steinar Kapuzenpulli tief über die Stirn gezogen

ich hör ihn abwechselnd schreien und schimpfen

und die scheiß binomischen Formeln

die nicht in sein Hirn hineinkriechen wollen

und wie er sich statt dessen aufregt

über die anderen

die von weit her

Scheiß Ausländer

die alles kriegen

und jetzt in der Klasse sitzen

nicht mal über Formeln schwitzen

und ihm aber seine Lehrstelle klauen

und die Zigarettenkippe oben drauf

schließlich waren die gestern noch in seiner Tasche und heute nicht mehr

Zornestränen fließen über die Wangen

wohnt hier der Friede

auf der offenen Flamme 

des Gasherdes steht die schwere Pfanne

Die Mutter gießt eine hellgelbe Flüssigkeit in das Öl

süß betörender Kuchenduft steigt auf

Pfannkuchen um Pfannkuchen stapelt sich auf dem Teller

Sie stellt ihn auf den Tisch.

Ohne Worte 

lächelnd

gedankenverloren trotzig greift der Junge zu

beißt hinein

kaut 

schluckt

beruhigt sich

schmeckt 

Frieden

rutscht in kleinen Stücken die Speiseröhre hinunter

verbreitet sich warm und leicht im Magen

legt sich wie eine warme Decke um das 

kalt verfrorene Herz

ich weiß nicht ob das reicht

ob das warm genug ist

nachhaltig

effektiv

performativ

Ich erspähe den Frieden in den Herzen

dem Herzen einer Mutter

die sich nicht versteckt

die was riskiert

ganz unbeirrt

die ihr Herz nicht hinter die Maske zwingt

und keine Schutzschilder in Stellung bringt

aber da kriege ich ihn nicht zu fassen

muss ihn seine Wege ziehen lassen

nicht das Herz der Mutter leeren

und ihn nicht vom Küchentisch zerren

so streife ich weiter durch die Straßen

ziehe um die Häuser durch die Gassen

krieg ich den doch irgendwo zu fassen?

Um den andern nicht die Plätze zu lassen

mit ihren Parolen und ihrer Gewalt

ihrem Hass der nur drauf wartet, dass es knallt

neulich hab ich ihn dann doch entdeckt

da war er zwischen Schlosspark und Wartberg unterwegs

mir schien, es hätte ihm Spaß gemacht

hin und her zu hüpfen

sich nicht kriegen zu lassen

und schon gar nicht  zu vertreiben

wenn er flügellahm müde und down war

sprang er mit wenig Kraft zu den Jugendlichen

die fangen ihn auf mit offenen Händen – sichern

sprachen ihm gut zu

fütterten ihn mit Schokolade

und Pfannkuchen

einige hatten Rosen dabei

dann leuchtet er wieder

in leopradenfellgetupften Schnürsenkeln

dann flattert er wieder los

geht selbst auf die Jagd

bringt Springerstiefelträger zum Schwitzen

setzt sich auf die Nasenspitzen

um fröhlich darauf rum zu tanzen

während sie braune Parolen ranzen

lässt goldene quietschvergnügte Leopradentropfen 

auf sorgsam fest gezogene weiße Schnürsenkel tropfen

sie wollten ihn jagen fangen vertreiben

und einer versucht ihn sich einzuverleiben

flüstert schreit skandiert seinen Hass

faselt was rum von Reinheitserlass

doch da ist der Frieden schon weitergehüpft

er hat ja auch noch so viele zu besuchen an diesem Tag

wo in dieser Stadt viel in Bewegung ist

er ist ja ein äußerst kreativer Aktivist

den einen wird er den Kopf verdrehen

den andern im Streit zur Seite stehen

und auf dem Protest-Weg von der Stadtmitte 

zum Wartberg

setzt Frieden sich an die Spitze

fliegt voran 

und mitten durch

so hat Frieden mich gejagd und gefunden

für seine Ziele eingebunden

erst wollte ich noch widerstehen

und auf meine Wege bestehen

ein Grinsen von ihm brach den Widerstand

komm, sagt er: ich zeige dir den Frieden

und legt den Schnatz in meine Hand

SFW 24.II.19

CumEx durchs Nadelöhr

Predigtslam beim 1. Coburger Predigtslam am 16.11.2018

Guten Abend!

Reden wir über Geld.
Geld ist wichtig.
Geld regiert die Welt.

Das lernen schon die Kinder
an der Eistheke bei der Frage nach zwei oder drei Kugeln
oder in der Kinderkirche
wenn der reiche Jüngling
ob mit oder ohne Kamel
beim besten willen
nicht durch die Tür passen will
und dann bei der Frage
wofür das Körbchen in der Mitte da ist
und da dann die 20 Ct reinkommen
die die Mutter dem Kleinen morgens noch zugesteckt hat
davon kann man zwar kein Kamel ernähren
aber für das Gefühl ist das gut
und der Pfarrer freut sich
das ist auch was wert.

Geld ist wichtig.

Geld regiert die Welt
und hoffentlich auch die Ewigkeit
das wusste schon Herr Tetzel
der damals in der Kinderkirche
vermutlich geschlafen hat
oder
an der
Nadelöhrerweiterung
rumgebastelt,
bis ihm beim Kollektenkörbchen
die Erleuchung kam und er
30 Jahre später
eine ertragreiche Predigt draus gestrickt hat
ganz ohne Nadelöhr und Kamel,
dafür aber für die Ewigkeit
und mit Pling
cum ex auf dem Marktplatz
cum Geld im Kasten für Seele
und ex
fliegt die dann aus dem Feuer
direkten Weges in den Himmel
an der Himmelspforte
die Sünden vorbei geschmuggelt
ex Sünde
cum Gnade
Seelenheil oben drauf
und die Sanierung des Petersdoms ist auch gesichert
das ganze muss sich rechnen
ein win-win Geschäft
Gott ist vermutlich kein Teilhaber
aber er gehört ja auch nicht zur Welt.

Geld regiert die Welt
das denkt auch Peter
als er nach Börsenschluss in den Park geht

da hatte er gerade ein wenig die Welt regiert
Derivatengeschäfte zertifiziert
Millionen an Euro und Bitcoins durch das Netz jongliert
Aktienoptionen geschickt platziert
und schließlich die Steuererklärung optimiert

stand er nun an Speakers Corner
und fragte den Meister in der Ecke
wie komme ich in deine Welt?
Und welche Rolle spielt da Geld?

Der Meister sah ihn staunend an
er musterte die Bügelfalten
des anthrazitfarbenen Armani Anzuges
und registrierte aufmerksam
dass sein Hemd soweit zugeknöpft war
um die Tatoosünde seiner Jugend
auf der linken Brustseite geschickt zu verdecken
der Meister schaut ihm tief in die Augen:

Du bist einer von den Guten?

Ich kenne die Complienceregeln
hab die immer brav gehalten
niemals stehlen nie betrügen
und das Finanzamt nicht belügen
ich investiere in crowd funding
soziale Alltagszwecke
Mirko Kredite
Brot für die Welt
und die Tafel um die Ecke

Fehlt noch was?

Freundlich ruhte der Blick des Meisters
auf Peter und seiner Rolex
und er fing schon langsam an, den jungen Mann zu mögen
und gab ihm einen letzten Rat

Junge mach dich leicht und locker
schluss mit Aktien Börsen Zocker
räum dein Konto leer
vergiss die Uhr nicht, gib sie her
gibs den Armen, dann komm wieder

Peter nickte artig,
zog sein Jackett straff
rückte die Armbanduhr gerade
lies das iphone in der Jacke veschwinden
schulterte den schwarzen Nappalederrucksack
trollte sich gemessenen Schrittes
bis zur nächsten Kurve

dann setzte Schnappatmung ein

und während sein Hirn
sich mehr und mehr
mit Sauerstoff füllte
reifte eine Idee in ihm

unter den zahlreichen Briefkastenfirmen
die er auf Dienstreisen in die Karibik besucht hatte
war auch jene eines gewissen John Tez aus der Nähe von Leipzig
er fiel ihm auf, weil er mit Kirchengrundstücken
clevere Geschäfte machte
und das über den Tod hinaus
Immobiliensicherungsfond Wolke 7
zusammen mit dem Megabauträger Paradise Ressort
Geld regiert die Welt und manchmal auch die Ewigkeit

guter Plan

alles verkaufen, alle Aktien, alle Optionen
auf ex
oder cum?
cum ex?
ex cum
Hauptsache weg und gut verstauen
und später wieder zu sich holen
mit Mehrwert
für die Ewigkeit

So kam es, dass Peter ein letztes mal investiert
Börsenkursverläufe lang studiert
Fälligkeitstermine notiert
die Briefkastenfirma von John Tez kontaktiert
sein ganzes Geld dann dort platziert

Und Pling der Platz im Paradies ist safe
man weiß ja nie,
wie die Wohnungslage dort so ist

Es kam so wie es kommen musste
Eines Morgens stand der gute Broker
vor der Himmelspforte  und begehrte Einlass
Den Weg durchs Nadelöhr schaffte er spielend
und neugierig betrat er die Eingangshalle zum
New Paradise Ressort

Peter suchte nun die Anschlagtafel
mit freien Grundstücken und Wohnungen
und auch die nächste Bankfiliale

und war jetzt erstmal sehr verwirrt
hatte er sich in der Pforte geirrt
John Tez war auch noch nicht zu sehen
so musste Peter allein gehen

und fragte den ersten auf der Straße
nach dem Weg zur Bankfiliale
der war völlig ahnungslos
Geldschein, Visacard und Münzen?
was sollen die uns hier und heute nützen?

Geld regiert die Welt,
und das hier ist die Ewigkeit

und dann biegt John Tez um die Ecke

na, endlich auch hier angekommen?
Peter schaut noch sehr benommen
aber wenn der hier steht
ist er wohl nicht so ganz verkehrt

wie komm ich von hier jetzt an mein Geld?
Was kostet hier die Welt
und welches Eigenheim ist frei
es soll ja für die Ewigkeit sei(n)

doch John schüttelt nur milde sein Haupthaar
mit cum ex Geschäften kommst du hier gar nicht klar

mit Gnade durchs Nadelöhr
ohne Geld gerettet
cum ex für die Ewgikeit
mit gar nix bist du bereit
und dein Geld wird unter den Kaffebauern verteilt
auch Weberinnen sind sehr zufrieden
in ihren eigenen Betrieben
und mitten im fränkisch thüringischen Landesstrichen
decken sie Tafeln in Vesperkirchen

Peter fehlten die rechten Gedanken
sein Plan gescheitert, hier gibts keine Banken
ohne Geld in der Ewigkeit
was soll er nun die ganze Zeit?

John Tez grinste sichtlich heiter
und zog den Broker die Straße weiter

Komm mit!

wir spielen mit dem Meister ne Runde Monopoly
der steckt grad im Nadelöhrgefängnis fest
willst du die Schlossalle kaufen?

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