Ich erinnere mich
Dieser Text entstand für den Totenhemdblog im November 2020.
Vor Jahren lernte ich die Schreibaufgabe:“ ich erinnere mich…“ kennen. Sie ist nicht unbedingt für die Trauer, den Tod entstanden. Aber sie passt gut dazu, finde ich. Bei Trauergesprächen stelle ich oft genau diese Frage: Welche Erinnerungen tauchen auf? Immer wieder wurde ich dann Zeuge, wie Ehepartner*innen und Kinder nach anfänglichem Zögern ins Erzählen kamen. Und im gemeinsamen erzählen setzen sie Puzzlestein an Puzzlestein. So entstand ein Bild. Nicht immer vollständig, nicht immer wohlgeformt passend, aber vielfältig, lebendig, in dem das Schöne und das Schwere, das Süße und das Bittere seinen Platz bekommen hat.
Wie wäre es, wenn alle eingeladen werden, eine solche Erinnerung aufzuschreiben? Die dabei sein können und die coronageschuldet fehlen müssen. Sie könnten Teil der Trauerkarten sein, die geschrieben und gesammelt werden. So legen alle ihre Erinnerungsstücke zusammen. Und am Ende entsteht ein Bild. Ein Erinnerungsbild. Ein Erinnerungsfragment.
In diesem Jahr, im März, damals als plötzlich alles ganz schnell ging, starb meine Mutter. Plötzlich und ganz schnell. Mir fällt das Erinnern schwer. Manches will ich nicht erinnern. Manche Puzzlestücke würde ich lieber umgedreht lassen, oder in der Schachtel. Ich kann nicht sagen, dass sie mir fehlt. Und trotzdem ist da eine Leerstelle.
Fragmentarische Erinnerung
Ich erinnere mich
mein Herz sich weigert zu erinnern
Wunden sind sorgfältig kaschiert
Enttäuschung aus dem Gedächtnis rangiert
Ich erinnere mich
mein Gedächtnis hält sorgfältig Wacht
über die Wut und den Schmerz
und das kindliche verwundete Herz
Ich erinnere mich
Kinderaugen strahlen im Anblick von vollkommenem Blau
Kobalt und Gold auf zerbrechlichem Porzellan
eine kleine Tasse in einer kleinen Hand
glänzender Blick zum großen Geschirr
das Versprechen: einst gehören sie dir
und das kleine Kind strahlt selig die Erwachsenen an
Ich erinnere mich
vierzig Jahre später in der Totenwohnung
Tassen und Teller voll Kobalt gefasst im Goldrand
wiege ich sie emotionsfern in meiner Hand
Ich erinnere mich
das kleine Kind schaut mit glänzenden Augen
der erwachsene Mann findet keinen Weg zur Trauer
tut was getan werden muss mehr aus Pflicht wie ein Zuschauer
trinkt Kaffee isst Kuchen von blauem Prozellan
Ich erinnere mich
Erinnerung klopft sachte an
SFK 15.XI.20

Hat dies auf Totenhemd-Blog rebloggt und kommentierte:
„Ich erinnere mich“ … eine wunderbare Einladung um ins Schreiben oder ins Gespräch zu kommen … wir freuen uns, dass Sebastian bei unserer Blogaktion mitschreibt. Lest selbst.
LikeLike
Lieber Sebastian, dankeschön. Ich werde meine Morgenseiten morgen so beginnen …. danke für diesen schönen Impuls. Herzlicher Gruß. Petra
LikeLike
Ein sehr schöner Text, der mich sehr berührt hat. Eine schöne Idee, Fragmente der Erinnerung von mehreren Menschen zu einem Bild zu formen. Schön, wegen dem Akt des Teilens. Jeder allein, mit seinen schönen und traurigen Erinnerungen- das gibt es viel zu oft. Durch das Teilen und Spielen mit den Fragmenten ergeben sich neue Bilder, Einsichten, Gedanken.
Herzlichen Dank
Martina
LikeLike